Baumkreise erfreuen sich seit Jahrzehnten großer Beliebtheit. Da ist es eigentlich schade, dass das keltische Horoskop nicht das ist, wofür es die meisten halten!

Als vor knapp vier Jahrzehnten das keltische Baumhoroskop bei uns aufkam, fand es rasch Anhänger. Viele Freunde der Esoterik sahen darin eine ebenso logische wie aufschlussreiche Ergänzung des astrologischen Angebots. Also sah auch niemand einen Anlass, an dessen Authentizität zu zweifeln. Dabei war seine Herkunft im Unterschied zur westlichen, indischen oder chinesischen Astrologie unklar. Das keltische Horoskop schien einfach zu stimmig, zu überzeugend und zu einleuchtend, um nicht echt zu sein …

Die Kelten waren ja ein mysteriöses Volk in West- und Mitteleuropa, über das man nicht viel wusste. In Schottland, Wales und Irland sowie in der Bretagne leben heute noch 800.000 Kelten, die auch eine keltische Sprache sprechen. Doch obwohl diese Menschen die Nachkommen der alten Kelten sind, konnten auch sie keine schlüssigen Informationen über das ominöse Baumhoroskop geben.

Bekannt war immerhin, dass die Kelten die Vorgänge am Himmel ebenso sorgfältig beobachteten wie die Naturereignisse auf der Erde. Also lag die Schlussfolgerung nahe, das keltische Horoskop wäre in vorchristlicher Zeit von Druiden kreiert worden. Das reichte und man begnügte sich damit, dass seine genaue Entstehungsgeschichte eben unbekannt war …

21 Bäume bilden einen Kreis

Was sind also die wichtigsten Aussagen des keltischen Baumhoroskops? Ein Jahr wird als ein Kreis aus 21 Bäumen dargestellt: Apfel, Tanne, Ulme, Zypresse, Pappel, Kiefer, Linde, Eiche, Ahorn, Olive, Eberesche, Walnuss, Esche, Feige, Buche, Zürgelbaum (Zeder), Weide, Haselnuss, Kastanie, Hainbuche und Birke.

Das Jahr gliedert sich in 38 Abschnitte, von denen jeder von einem der genannten Bäume regiert wird. Eiche, Birke, Olive und Buche kommen nur einmal pro Jahr für jeweils einen einzigen Tag vor. Die anderen 17 Bäume gibt es hingegen zweimal pro Jahr, sodass jede der 28 verbleibenden Abschnitte eine Durchschnittsdauer von 10-11 Tagen hat.

Wie bei den Sternzeichen anderer Ausprägungen der Astrologie schreibt das keltische Horoskop jedem Baum typische Eigenschaften zu. Der Apfelbaum symbolisiert die Liebe, der Ölbaum die Weisheit und die Esche den Ehrgeiz. Wie bei anderen astrologischen Lehren bestimmen die Eigenschaften eines Baumes den Charakter der Personen, die in seiner Phase zur Welt kommen.

Eine Journalistin macht Furore

Das alles klingt also durch und durch plausibel. Daher erstaunt es auch nicht, dass das Baumhoroskop bald eine große Schar von Anhängern fand. Diese hielten es nicht nur für echt, sondern nutzten es auch wie ein klassisches Horoskop, um mehr über sich oder andere Personen zu erfahren. Und damit nicht genug: Sie integrierten es fest in ihr Weltbild. In einigen Gemeinden im deutschsprachigen Raum wurden sogar Baumkreise für die Touristen errichtet …

Und dann kam der große Knalleffekt! Es stellte sich heraus, dass dieses inzwischen so beliebte keltische Baumhoroskop weder aus dem Altertum noch von den Kelten stammte. Vielmehr verdankt es seine Entstehung der Redakteurin Paule Delsol, die 1971 von der französischen Frauenzeitschrift „Marie Claire“ den Auftrag erhalten hatte, diverse Horoskope einfach zu erfinden. Sie sollten von früheren Kulturen inspiriert sein und so erfand die Journalistin auch ein tibetisches und ein arabisches Horoskop …

Woher weiß man das?

Möglicherweise wäre der Schwindel nie ans Tageslicht gekommen, wenn nicht zu viel Geld im Spiel gewesen wäre! Im Jahre 1984 veröffentlichte die deutsche Autorin Annemarie Mütsch-Engel das Baumhoroskop als Buch mit dem Titel „Bäume Lügen nicht. Das keltische Horoskop“. Da das Buch reißenden Absatz fand, spülte es auch immer mehr Geld in die Kassen. Das wiederum erweckte das Interesse der Schöpfer des Horoskops. So kam es, wie es kommen musste: Die Patenschaft wurde in einem Urheberrechtsverfahren geklärt!

Dieses Verfahren zog sich durch mehrere Instanzen bis hinauf zum Bundesgerichtshof. Im Zuge dieser Prozesse ging man von Quelle zu Quelle immer weiter zurück. Schlussendlich stellte sich heraus, dass das Buch von Annemarie Mütsch-Engel auf einem Gartenkalender aus Polen basierte. Dieser Kalender war wiederum eine simple Übersetzung des Horoskops aus dem Magazin Marie Claire!

Als eindeutiger Beweis galt für das Gericht das Faktum, dass in der französischen Originalausgabe ein Baum den Namen „micocoulier“ trug. Dieser heißt auf Deutsch: Zürgelbaum und auf Lateinisch Celtis australis. Das Gewächs kam in den 1970er-Jahren zwar in Frankreich vor, nicht aber in Polen. Also wurde es für den polnische Gartenkalender als „Zeder“ bezeichnet. Das Problem dabei: Die Zeder stammt aus dem Nahen Osten und kam erst im 17. Jahrhundert nach Europa! Den alten Kelten war dieser Baum also völlig unbekannt …

Dieser Übersetzungsfehler fand allerdings in alle folgende Versionen Eingang. Das galt nicht nur für Annemarie Mütsch-Engels Buch, sondern für zahlreiche weitere Werke, die mittlerweile im Handel erhältlich waren. Natürlich beriefen sich auch deren Autoren auf uralte Quellen. Wer es genau wissen möchte, kann das Urteil des deutschen Bundesgerichtshofs vom 27. Juni 1991 nachlesen (1. Zivilsenat, Aktenzeichen I ZR 7/90).

Mögliche Inspirationsquellen

Da die „Erfinderin“ Paule Delsol außerhalb des Urheberrechtsverfahrens sehr zugeknöpft war, kann man nur spekulieren, wie sie auf ein keltisches Baumhoroskop kam. Möglicherweise war der kreativen Redakteurin bekannt, dass bei den Kelten heilige Bäume und ein „heiliger Hain“ verehrt wurden. Dennoch muss man festhalten, dass die Kelten nicht so eine intensive Beziehung zu Bäumen und Wäldern hatten wie die Germanen. In deren Mythologie kam ja dem Weltenbaum Irminsul eine ganz besondere Verehrung zu.

Es wäre aber auch vorstellbar, dass Paule Delsol vom Buch „The White Goddess“ des britischen Autors Robert Graves inspiriert worden war. In dem 1948 erschienenen Werk ordnet der Autor Zeichen aus der keltischen Schrift Bäumen zu und kreiert so eine Art Baumkalender. Wie das ganze Buch ist aber auch dieser Kalender reine Fiktion. Was genau Paule Delsol inspirierte, weiß man bis heute nicht. Fest steht nur, dass man das keltische Baumhoroskop nicht allzu ernst nehmen sollte …